Bergkirchweih Geschichte: Von 1755 bis heute

Wer das erste Mal auf den Berg kommt, erlebt ein Fest. Wer die Geschichte dahinter kennt, erlebt eine der bemerkenswertesten Traditionslinien der deutschen Festkultur. Die Erlanger Bergkirchweih existiert seit 1755 – und ist damit 55 Jahre älter als das Oktoberfest. Was als kleiner Pfingstmarkt an einem Burgberg begann, ist heute ein Volksfest mit über einer Million Besuchern, 15 historischen Bierkellern und – seit 2026 – dem offiziellen Titel als immaterielles Kulturerbe Bayerns.

Hier findest du die vollständige Geschichte der Bergkirchweih: vom Vogelschießen 1755 über die Bierstadt Erlangen und das 21-Kilometer-Kellerlabyrinth bis zu den Traditionen, die das Fest bis heute prägen.

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Der Ursprung: 21. April 1755

Alles begann mit einem Beschluss. Am 21. April 1755 entschieden die Stadträte des Magistrats der Erlanger Altstadt, den traditionellen Pfingstmarkt nicht länger in der Altstadt abzuhalten, sondern auf den Burgberg am nördlichen Stadtrand zu verlegen. Gleichzeitig sollten die Schützen der Erlanger Schützenkompanie dort ihr jährliches Vogelschießen rund um das Altstädter Schießhaus abhalten.

Was wie eine pragmatische Verwaltungsentscheidung klingt, war der Geburtsmoment eines der bedeutendsten Volksfeste der Welt. Der neue Jahrmarkt am Burgberg zog schnell Besucher an – und eine entscheidende Attraktion wartete bereits vor Ort: die Felsenkeller der Erlanger Brauereien, in denen kühles Bier lagerte und ausgeschenkt wurde.

Warum heißt es Bergkirchweih?

Der Name leitet sich vom kirchlichen Ursprung des Festes ab. Gefeiert wird das Patrozinium der Altstädter Dreifaltigkeitskirche zu Trinitatis – dem Sonntag nach Pfingsten. Die Kirchweih (also das Kirchweihfest) fand am Südhang des Burgbergs statt, daher: Bergkirchweih. Im fränkischen Dialekt wird das Fest liebevoll „Berch" oder „Berchkerwa" genannt.

Ist die Bergkirchweih kein richtiger Berg?

Viele Erstbesucher staunen: Der Burgberg ist keine alpine Erhebung, sondern eine sanfte Anhöhe. Sein höchster Punkt liegt bei 332 Metern – der Höhenunterschied zur Innenstadt beträgt gerade einmal 50 Meter. Das Festgelände liegt sogar noch tiefer, am Hang. Den Namen „Berg" verdankt der Burgberg übrigens nicht einer Burg, die es hier nie gab, sondern dem Oberen Burgsandstein, aus dem der Hügel besteht. Einem echten Erlanger sollte man das allerdings nie ins Gesicht sagen.

Die Felsenkeller: Das Herz der Bergkirchweih

Ohne die Felsenkeller hätte es die Bergkirchweih in ihrer heutigen Form nie gegeben. Seit dem späten 17. Jahrhundert trieben die Erlanger Brauereien tiefe Tunnel in den weichen Burgsandstein des Burgbergs. Der Grund war rein praktisch: Kühlschränke existierten nicht, und das Bier musste das ganze Jahr über bei konstant niedrigen Temperaturen gelagert werden, um nicht zu verderben.

Im Winter wurde Eis von Teichen auf der gegenüberliegenden Seite des Berges gebrochen und in die Keller transportiert. Die konstante Kühle der Sandsteinstollen hielt das Bier frisch – und gab Erlangen einen enormen Wettbewerbsvorteil gegenüber anderen Brauereistädten. Bis zu 18 Brauereien betrieben zeitweise Keller am Burgberg.

21 Kilometer Kellerlabyrinth

Das gesamte unterirdische Labyrinth unter dem Burgberg hat eine Gesamtlänge von 21 Kilometern. Einzelne Gewölbe erstrecken sich bis zu 500 Meter in den Berg – und auf der anderen Seite wieder heraus, sodass Eis von den dortigen Teichen eingebracht werden konnte. Der längste einzelne Keller misst über 800 Meter. Dieses Labyrinth ist bis heute erhalten und kann außerhalb der Bergkirchweih bei sonntäglichen Kellerführungen ab dem Entlas Keller besichtigt werden.

Die Lusthäuschen: Seit 1718

Ab dem Jahr 1718 entstanden die sogenannten Lusthäuschen – kleine Kellerhäuschen oberhalb der Stolleneingänge, in denen die Brauereien ihren Gästen Bier ausschenkten. Diese denkmalgeschützten Häuschen prägen noch heute das Bild der Bergkirchweih und bilden zusammen mit den alten Kastanien, Linden und Eichen die unverwechselbare Atmosphäre des Festes. Sie waren eines der überzeugendsten Argumente bei der Bewerbung um den Kulturerbe-Titel.

Erlangen: Die vergessene Bierstadt

Bis zum frühen 20. Jahrhundert war Erlangen eine der bedeutendsten Bierexportstädte Deutschlands – eine Tatsache, die heute kaum noch bekannt ist. Die natürliche Kühlung durch die Felsenkeller ermöglichte es den Erlanger Brauereien, Bier in einer Qualität zu brauen und zu lagern, die anderswo nicht möglich war. Mit der Erfindung mechanischer Kühltechnik Ende des 19. Jahrhunderts verlor dieser Vorteil an Bedeutung – und die meisten Brauereien verschwanden nach und nach. Geblieben sind die Keller, die Kellerhäuschen und das Fest.

Die Bergkirchweih durch die Jahrhunderte

Jahr Ereignis
Spätes 17. Jh. Erste Felsenkeller der Erlanger Brauereien am Burgberg
1706 Burgbergkeller wird Teil des Gemeindebrauhauses der Altstadt
1718 Entstehung der ersten Lusthäuschen (Kellerhäuschen) am Berg
21. April 1755 Stadtratsbeschluss: Verlegung des Pfingstmarkts auf den Burgberg – Geburtsstunde der Bergkirchweih
1810 Erstes Oktoberfest in München – die Bergkirchweih ist zu diesem Zeitpunkt bereits 55 Jahre alt
1853 Erste bekannte bildliche Darstellung der Bergkirchweih (Ansicht des Festgeländes)
Bis ~1900 Erlangen auf dem Höhepunkt als Bierexportstadt, bis zu 18 Brauereien aktiv
1990 Einführung des Krugpfands – Steinkrüge werden seitdem jährlich von Künstlern gestaltet
1999 Abschaffung der „Bergferien" an der Universität Erlangen-Nürnberg
2020 / 2021 Erstmals seit Kriegszeiten fällt die Bergkirchweih wegen der Corona-Pandemie aus
2022 Entlas Keller eröffnet hauseigene Brauerei (Entla's Bräu)
2026 Aufnahme ins Bayerische Landesverzeichnis des immateriellen Kulturerbes

Immaterielles Kulturerbe Bayern 2026: Eine lange überfällige Anerkennung

Im Jahr 2026 erhält die Bergkirchweih eine Auszeichnung, auf die Erlangen lange gewartet hat: Sie wurde offiziell in das Bayerische Landesverzeichnis des immateriellen Kulturerbes aufgenommen. Als erstes Volksfest dieser Art in der Region Mittelfranken trägt die Bergkirchweih nun denselben Titel wie die Fürther Michaeliskirchweih, die bereits seit 2018 im Verzeichnis geführt wird.

Wer hat den Antrag gestellt?

Der Anstoß kam von den Kellerwirten und Schaustellern selbst. Federführend stellte der Verein Bergflair ERhalten e.V. den Antrag beim Bayerischen Staatsministerium der Finanzen und für Heimat. Die Antragstellung erfolgte in enger Zusammenarbeit mit der Stadt Erlangen, der Königlich privilegierten Hauptschützengesellschaft Erlangen sowie den Kellerwirten. Wertvolle Hinweise lieferte der Austausch mit der Stadt Fürth, deren Kirchweih-Bewerbung als Blaupause diente.

Berg-Referent Konrad Beugel betonte: Die breite Zusammenarbeit aller Beteiligten war entscheidend für die hohe Qualität der Bewerbung.

Was hat die Bewerbung überzeugt?

Das Fundament der Bewerbung bildeten drei unverwechselbare Elemente: die historische Bierkultur, die bis ins 17. Jahrhundert zurückreicht; die denkmalgeschützten Kellerhäuschen, die seit 1718 das Festgelände prägen; und die teils über hundert Meter tiefen Felsenkeller im Burgberg, die als lebendiges Zeugnis der Braugeschichte Erlangens erhalten sind.

Was bedeutet der Titel konkret?

Die Aufnahme ins Landesverzeichnis ist keine bloße Ehrung – sie ist auch eine Verpflichtung. Der Titel rückt den Erhalt der authentischen Festkultur in den Fokus: die Keller unter freiem Himmel statt geschlossener Zelte, der Steinkrug statt Plastikbecher, die Livemusik auf kleinen Bühnen statt Megaevents. Die Bergkirchweih soll bleiben, was sie immer war: ein Volksfest für alle, nicht eine kommerzielle Großveranstaltung.

Die großen Traditionen der Bergkirchweih

Der Bieranstich: Beginn der fünften Jahreszeit

Am Donnerstag vor Pfingsten um Punkt 17 Uhr sticht der Oberbürgermeister das erste Fass Bier an – auf einer Tribüne vor einem jährlich wechselnden Bierkeller. Das angestochene Bier wird traditionell als Freibier an die Anwesenden ausgegeben. Dieser Moment markiert den Beginn der „fünften Jahreszeit" in Erlangen – so wird die Bergkirchweih in der Stadt liebevoll genannt.

Das Bierbegräbnis: Das Ende, das alle fürchten

Am letzten Montagabend, kurz nach 23 Uhr, beginnt das emotionalste Ritual der Bergkirchweih. Der Oberbürgermeister verlängert traditionell die Öffnungszeit um 30 Minuten – und dann erklingt Lili Marleen. Eine kleine Prozession bahnt sich den Weg durch die Menge: Ein als Priester verkleideter Festwirt, Träger mit Schaufeln und Spaten, das letzte Fass Bier. Es wird symbolisch am Erich Keller zu Grabe getragen. Die Besucher schwingen weiße Taschentücher und singen mit. Wer das einmal erlebt hat, versteht, warum Erlanger den Berg das ganze Jahr über vermissen.

Das „T": Der Mittelpunkt des Bergs

Wer auf den Berg geht, kennt das T. An der Kreuzung zwischen Bergstraße und „An den Kellern" teilt sich die Welt: Links gehen die Linksabbieger – Richtung Bierkeller, Atmosphäre und Fränkischkeit. Rechts gehen die Rechtsabbieger – Richtung Fahrgeschäfte, Schießbuden und Riesenrad. Das T ist der Treffpunkt, die Orientierung und das Herz des Festes.

Der Erlanger Dienstag

Viele Erlanger Firmen geben ihren Mitarbeitern am Dienstag nach Pfingstmontag ab Mittag frei – der sogenannte Erlanger Dienstag. Diese Tradition hat keine offizielle Rechtsgrundlage, ist aber tief in der Unternehmenskultur der Stadt verankert. Früher war es sogar die gesamte Bergwoche frei – die Universität Erlangen-Nürnberg hatte bis 1999 eigene Bergferien. Heute ist zumindest der Dienstagnachmittag vielfach dem Berg gewidmet.

Die Steinkrüge und das Krugpfand

Auf den Kellern der Bergkirchweih wird ausschließlich aus Steinkrügen getrunken – kein Plastik, kein Glas. Seit 1990 gilt das Krugpfand von 5 Euro. Eingeführt wurde es, nachdem Krüge in großem Stil als Souvenirs mitgenommen worden waren – besonders die damals in Erlangen stationierten US-Soldaten hatten einen ausgeprägten Hang zu den fränkischen Steinkrügen. Seitdem hält sich der Schwund in Grenzen. Die Krüge des Entlas Kellers werden jedes Jahr von einem anderen Künstler gestaltet und sind längst begehrte Sammlerstücke.

Die Lampions

Wer zum ersten Mal den Berg hinaufgeht, bemerkt sie schon von weitem: große bunte Lampions mit 70 Zentimetern Durchmesser, hoch oben in den Bäumen. Sie tauchen das gesamte Gelände abends in ein warmes, farbiges Licht und sind für viele Besucher das stärkste visuelle Symbol der Bergkirchweih. Woher die Tradition genau stammt, ist nicht eindeutig belegt – aber die Lampions gehören inzwischen so fest zum Berg wie die Keller selbst.

100 Tage bis zum Berg

Vor etwa 30 Jahren begannen einige Erlanger Freunde damit, sich genau 100 Tage vor der Bergkirchweih – am Faschingssonntag – auf dem noch geschlossenen Erich Keller zum Frühschoppen zu treffen. Was als privates Ritual begann, ist inzwischen ein öffentliches Ereignis mit vielen Besuchern geworden, bei dem Hobbybrauer ihre selbstgebrauten Biere mitbringen und die Vorfreude auf den Berg zelebrieren.

Heiraten auf dem Berg

Seit 2015 ist es möglich, auf der Bergkirchweih zu heiraten. Drei Paare pro Jahr können sich auf einem der Keller vor dem Bürgermeister das Jawort geben. Die Termine sind heiß begehrt und werden weit im Voraus vergeben – kein Wunder, denn eine Hochzeit auf dem Berg unter Kastanienbäumen und Lampions ist für viele Erlanger der Inbegriff romantischer Ortsverbundenheit.

Wenn der Berg nicht ruft: Die 17 Ausfälle

Die Bergkirchweih hat seit 1755 insgesamt 17 Mal nicht stattgefunden – in Kriegszeiten, bei Seuchen und zuletzt 2020 und 2021 wegen der Corona-Pandemie. Das erklärt, warum 2026 die 271. Bergkirchweih gefeiert wird, obwohl das Fest bereits 271 Jahre alt ist: Jedes Mal, wenn der Berg ausfiel, fehlt eine Zahl in der Zählung.

Besonders der Corona-Ausfall 2020 und 2021 hat gezeigt, was der Berg der Stadt bedeutet: Erlangen war merklich stiller, die Wirtschaft litt, und viele Erlanger beschrieben das Fehlen des Festes als echten Verlust. Kein anderes Ereignis definiert die Stadt und ihr Selbstverständnis so stark wie die zwölf Tage im Mai.

Bergkirchweih vs. Oktoberfest: Was den Berg einzigartig macht

Der Vergleich wird oft gezogen, und er ist lehrreich. Das Oktoberfest in München ist größer, internationaler und kommerzieller. Die Bergkirchweih ist älter, authentischer und in vieler Hinsicht das, was das Oktoberfest einmal war – bevor es zum Weltspektakel wurde.

Merkmal Bergkirchweih Erlangen Oktoberfest München
Erstes Jahr 1755 1810
Besucher pro Jahr ~1 Million ~6 Millionen
Maßpreis 2025/26 ~14 € ~15–16 €
Ausschank Im Freien, unter Bäumen In Festzelten
Krug Steinkrug Glaskrug
Charakter Lokales Volksfest, familiär Internationales Großevent
Kulturerbe Immaterielles Kulturerbe Bayern (seit 2026) Nein

Wer einmal auf dem Berg war, versteht den Unterschied intuitiv. Die Bergkirchweih ist kein Spektakel – sie ist ein Ort. Ein Ort, an dem Erlanger Wurzeln schlagen, Studenten ihre ersten Sommer erleben und Rückkehrer aus aller Welt ihre alten Freunde wiedertreffen. Das lässt sich nicht inszenieren und nicht exportieren. Es ist einfach da – seit 1755.

Häufige Fragen zur Geschichte der Bergkirchweih

Wann wurde die Bergkirchweih gegründet?

Am 21. April 1755 beschloss der Erlanger Stadtrat die Verlegung des Pfingstmarkts auf den Burgberg. Das ist das offizielle Gründungsdatum der Bergkirchweih.

Wie oft ist die Bergkirchweih ausgefallen?

Insgesamt 17 Mal seit 1755 – in Kriegsjahren, bei Seuchen und 2020/2021 wegen der Corona-Pandemie.

Was bedeutet immaterielles Kulturerbe?

Das Bayerische Landesverzeichnis des immateriellen Kulturerbes zeichnet lebendige Traditionen aus, die kulturhistorisch bedeutsam und schützenswert sind. Die Bergkirchweih wurde 2026 aufgenommen – als Anerkennung für ihre mehr als 270-jährige Geschichte und als Verpflichtung zur Pflege der authentischen Festkultur.

Warum gibt es keine Burg auf dem Burgberg?

Den Namen Burgberg verdankt der Hügel dem Oberen Burgsandstein, dem Gesteinstyp, aus dem er besteht. Eine Burg hat es hier nie gegeben.

Kann man die Keller besichtigen?

Ja. Jeden Sonntag außerhalb der Bergkirchweih finden Kellerführungen ab dem Entlas Keller statt. Die kleine Führungsgebühr kann gegen ein Getränk am Keller eingetauscht werden.

Was sind die Lusthäuschen?

Die Lusthäuschen sind die kleinen, historischen Kellerhäuschen oberhalb der Stolleneingänge, die ab 1718 entstanden und heute unter Denkmalschutz stehen. Sie bilden das architektonische Herz des Festgeländes und waren zentrales Argument bei der Kulturerbe-Bewerbung.

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